St.Galler TAGBLATT v. 14. Juni 2004

«Ein Leben ist nicht genug»

Schauspielerin Astrid Keller wechselt das Rollenfach, die Freude am Theater bleibt

Kreuzlingen. Mit ihrem Mann, Regisseur Leopold Huber, leitet Astrid Keller seit elf Jahren das See-Burgtheater Kreuzlingen. Die Proben für die diesjährigen Aufführungen haben begonnen.

Renata Egli-Gerber

Bereits ist das Ensemble des SeeBurgtheaters mitten in den Proben von Ödön von Horvaths Stück «Geschichten aus dem Wiener Wald». Es stammt aus dem Jahr 1930 und ist im Freilichttheater auf dem Girsberg vom 22. Juli bis 21. August zu sehen. Marianne, eine junge Frau, liebt nach den damals herrschenden gesellschaftlichen Regeln den Falschen. Eine neue Rolle für Astrid Keller, für die immer noch mädchenhaft schlanke Mutter zweier halbwüchsiger Söhne und einer Tochter im Schulalter?

Nicht die jugendliche Heldin

Die Schauspielerin winkt ab: Sie spielt nicht die jugendliche Heldin, sondern die fünfzigjährige Tabakhändlerin Valerie. Etwas seltsam sei der Fachwechsel, wie das in der Theatersprache heisse, zuerst schon gewesen, räumt sie ein. Sie habe bereits alle «Horwath-Mädchen» dargestellt und hätte gerne auch die Marianne noch gespielt. Aber die Zeit, junge Mädchen zu spielen, sei nun endgültig vorbei, jetzt, da ihre Haare grau geworden seien. Bereits hat sie sich mit Valerie angefreundet, mit dieser emanzipierten, allein stehenden Frau mit eigenem Einkommen, die sich junge Liebhaber leistet. Valerie ist eine der wenigen guten Rollen für Frauen in mittleren Jahren. In fast allen Theaterstücken überwiegen die Männer. Die Protagonistinnen sind meistens jung. Astrid Keller spielte an verschiedenen Theatern viele dieser jugendlichen Haupt- und Nebenrollen. Sie lässt sich aber auch auf andere Figuren ein. Eine

grosse Herausforderung bedeutete für sie der Puck im Shakespeares «Sommernachtstraum» an der Freilichtaufführung auf dem Girsberg.

In der Uraufführung «Kalter Krieg und heisse Würstli», eine Revue von Philipp Engelmann und Leopold Huber, wird sie im September einen Soldaten spielen. Sie taste sich beim Proben immer langsam an eine Rolle heran, komme jeden Tag ein Stück weiter und spüre, wie in ihr allmählich ein Bild der Person entstehe, die sie spielen soll. Astrid Keller liebt diesen Prozess, aber auch das Lampenfieber vor dem Auftritt. Die letzte Vorstellung eines Stücks stimmt sie traurig, denn sie weiss: «Diese Rolle stirbt.» Bei späteren Inszenierungen würde selbst in der gleichen Rolle alles anders sein, der Regisseur, das Ensemble und die Kostüme. Theaterspielen heisst für sie, viele Leben leben: «Ich bin wohl Schauspielerin geworden, weil ein einziges Leben für mich nicht genug ist.»

Auch geistige Kinder

Der Garten um das Haus in Altnau, wo die aus Schaffhausen stammende Astrid Keller mit ihrer Familie wohnt, ist auf sorgsame Weise verwildert. Eine Idylle. Sie führe ein «bürgerliches Leben», sagt die Schauspielerin, die frei von Allüren und Extravaganzen ist. Sie habe sich immer eine Familie gewünscht. Die Zeit, als ihre Kinder noch klein waren, bezeichnet sie als die glücklichste ihres Lebens. Ihren Mann, den Regisseur Leopold Huber, hat sie vor 26 Jahren an der Schauspielschule in Wien kennen gelernt. Sie haben gemeinsam die Kinder

erzogen, und aus der Ehe sind auch geistige Kinder hervorgegangen: Zusammen haben sie vier Kino-Filme realisiert und vor elf Jahren das See-Burgtheater vor dem Untergang gerettet.

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Zehn von 700

Schon in der Kantonsschule, wo sie im Schultheater mitspielte, stand für Astrid Keller - nicht zur Freude der Eltern - fest, Schauspielerin zu werden. Nach der Matura hat sie die Aufnahmeprüfung an die Wiener Schauspielschule bestanden. Aus den 700 Bewerberinnen und Bewerbern wurde sie mit neun anderen ausgewählt. Vor Freude tanzte sie damals durch den Park Schönbrunn. Sogleich nach der Ausbildung wurde sie vom Wiener Burgtheater engagiert. 1978 kehrte die erfolgreiche Schauspielerin in die Schweiz zurück und spielte an den Stadttheatern Zürich und St. Gallen. Berufliche Krisen blieben ihr nicht erspart. Später in Konstanz fasste sie Mut, bei den Inszenierungen selber Vorschläge zu machen und sich nicht mehr ohne weiteres dem Diktat des Regisseurs zu beugen. Vor zwei Jahren gewann sie einen Regie-Förder-Beitrag für einen Aufenthalt in Hamburg. Wie auch ihr Mann schnuppert Astrid Keller gerne Grossstadtluft. Sie geniesst dann aber wieder die Verwurzelung im Dorf und in ihrem gemeinsamen Theater am Bodensee. Die Freilichtspiele auf dem Girsberg sollen bewusst nicht elitär sein, sondern kritisches Volkstheater. Astrid Keller ist frei von Berührungsängsten gegenüber der Provinz: «Provinz ist nur im Kopf, und die tiefste im flachsten.» Diesen Ausspruch des Schriftstellers Uwe Dick stellte Regisseur Leopold Huber seinem Buch über das See-Burgtheater als Motto voran. (reg)

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Spieldaten

Das See-Burgtheater spielt dieses Jahr auf dem Girsberg vom 22. Juli bis 21. August, Dienstag bis Samstag, 20.30 Uhr (ohne 1. und 7. August). Kartenreservationen ab 28. Juni, Tel. 071 670 14 00, Di bis Sa 10 bis 12 und 13 bis 18 Uhr, Sa bis 16 Uhr. (tb)

 


Foto: Reto Martin/St. Galler Tagblatt